Der Körper, ein System
Schau dir Tadej Pogačar an, und du glaubst, dass die Naturgesetze für ihn nicht mehr gelten. Er fliegt den Berg hinauf und der Weltklasse-Konkurrenz um die Ohren. Die Schwerkraft und der Luftwiderstand gelten nur für den Rest des Feldes.
Ich liebe Sport und habe Biomedical Engineering studiert. Ich bin darauf trainiert, den Körper als System zu sehen: als eine Maschine mit Emotionen, aber aus physiologischer Sicht aus Pumpen, Leitungen und Wandlern aufgebaut. Bei jeder beeindruckenden Leistung frage ich mich: Wie geht das? Und was Pogačar leistet, ist außergewöhnlich und richtig spannend.
Nachgewiesen wurde ihm bislang nichts. Bis heute kein positiver Dopingtest, kein Verfahren, kein Sternchen hinter dem Namen. Wichtig: Das heißt nicht automatisch „zu 100 % sauber bewiesen“, aber eben auch nichts Belastendes. Und trotzdem denkst du dir: Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.
Kann es. Nur anders, als du vielleicht glaubst.
Die berühmte Zahl: gemessen oder gerechnet?
Alle reden über Pogačars VO2max, die maximale Sauerstoffaufnahme. Schätzungen liegen bei 89 bis 93 ml/kg/min, manche spekulieren über die Nähe zur „100er-Schallmauer“, einem der höchsten je genannten Werte für einen Tour-Sieger.
Und hier wird mein Ingenieurherz hellhörig. Diese Zahl stammt nicht aus dem Labor. Niemand hat Pogačar mitten in der Tour eine Atemmaske aufgesetzt. Sie ist rückgerechnet, aus Leistung am Berg, Körpergewicht, Steigung, Luftwiderstand und einer angenommenen Wirkungsgrad-Konstante des menschlichen „Motors“ (grob 23 bis 24 %). Jede dieser Annahmen trägt eine Unsicherheit. Ändere die geschätzte Effizienz um zwei Prozentpunkte, und die schöne Zahl wackelt spürbar. Das macht sie nicht wertlos, aber es ist ein Modell, keine Messung. Diesen Unterschied im Kopf zu behalten, ist im BME die halbe Miete.
Der Körper als Transportkette
Warum ist dieser eine Wert überhaupt so entscheidend? Weil er das Nadelöhr eines ganzen Systems beschreibt. Sauerstoff läuft eine Kette entlang: in der Lunge aufgenommen, ans Blut gebunden, vom Herzen als Pumpe verteilt, in der Muskelzelle von den Mitochondrien in Energie umgesetzt. Und wie jede Kette ist sie nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
Bei den meisten von uns limitiert das Herz-Kreislauf-System. Bei Ausnahmeathleten ist praktisch jedes Glied überdurchschnittlich: großes Herzminutenvolumen, hohe Hämoglobinmasse, viele Mitochondrien, dazu eine effiziente Bewegungsökonomie, die wenig Watt „verheizt“. Und genau da liegt der delikate Punkt. Ein hoher, teils angeborener Wert an einer dieser Stellen wirkt in der Leistung fast identisch zu dem, was Blutdoping künstlich erzeugen will. Der Körper unterscheidet nicht, warum am Ende mehr Sauerstoff im Muskel ankommt.
Warum „kein positiver Test“ so wenig aussagt
Und weil ich Messsysteme gelernt habe, bin ich beim Thema Nachweis vorsichtig, und zwar in beide Richtungen. Moderne Dopingkontrolle sucht oft gar nicht mehr die Substanz selbst, sondern Auffälligkeiten im Biologischen Pass: Verschiebt sich das Blutbild eines Sportlers stärker, als seine eigene Baseline erlaubt? Das ist clever, aber es bleibt Statistik mit Grenzwerten, und Grenzwerte haben immer ein Messfenster und eine Grauzone. Mikro-Dosierungen, individuelle Schwankungen, der richtige Zeitpunkt: Rein methodisch gibt es Wege, unter dem Radar zu bleiben.
Heißt das, Pogačar trickst? Nein, kein Stück. Dafür gibt es null Anhaltspunkte. Es heißt nur: „nicht nachgewiesen“ ist ehrlicherweise ein schwächeres Statement als „sauber bewiesen“. Als Ingenieur formuliere ich lieber genau, als mehr zu behaupten, als die Daten hergeben.
Slowenien, das kleine Radsport-Wunderland
Jetzt das eigentlich Auffällige: Pogačar ist kein Einzelfall. Primož Roglič (Grand-Tour-Sieger, Olympiasieger, Ex-Skispringer), Matej Mohorič (Sieger von Mailand-Sanremo), und etliche mehr. Sogar in Pogačars eigener Beziehung geht es ums Radfahren: Seine Partnerin Urška Žigart ist Profi und fährt ebenfalls für Slowenien. Alles aus einem Land mit gut zwei Millionen Einwohnern.
Der Reflex: Steckt in den Slowenen ein besonderes Gen? Als Systemdenker prüfe ich das an den Daten der Gesamtbevölkerung. Und die sprechen dagegen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind auch in Slowenien die häufigste Todesursache (rund 38 bis 40 % der Todesfälle, etwa EU-Schnitt), dazu ein sehr hoher Alkoholkonsum pro Kopf und lange eine der höchsten Suizidraten Europas. Keine Übermenschen-Nation. Die Weltklasse-Fahrer sind statistische Extremausreißer am Rand einer ganz normalen Verteilung.
Die eigentliche Lehre
Was Slowenien stark macht, ist kein Erbgut, sondern ein Umfeld: die Alpen als Trainingsgelände direkt vor der Tür, eine der aktivsten Bevölkerungen der EU, und Talent-Trichter wie der KK Rog Ljubljana. Dasselbe Muster wie bei Kenias Läufern oder Jamaikas Sprintern: ein breiter Pool, früh und konsequent in eine Richtung kanalisiert, plus ein paar physiologische Glücksfälle, die es in jeder Bevölkerung gibt.
Von Pogačar auf „die Slowenen“ zu schließen, hat sogar einen Namen: den ökologischen Fehlschluss. Und aus der Ingenieursperspektive bleibt am Ende die schönere Erkenntnis: Das Talent liegt überall herum. Die eigentliche Kunst ist, es zu messen, zu finden und zu fördern.
Quellen
- Cycling Weekly: Pogačar might have the highest VO2 max of any Tour winner (VO2max-Schätzung)
- Fissac: Pogačar und die 100 ml/kg/min-Grenze (VO2max, Wirkungsgrad)
- OECD, State of Health in the EU: Slovenia Country Health Profile 2025 (Herz-Kreislauf, Risikofaktoren)
- Eurostat: Sport participation in der EU (körperliche Aktivität)
- Cyclingnews: How Slovenia rose to the top of WorldTour cycling (Radsport-Boom)
- Domestique: Why does Slovenia produce so many great cyclists? (Vereine, Terrain, Kultur)

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