Wenn Bezahlen politisch wird
Wer in Europa mit Karte oder Handy bezahlt, nutzt meist Visa, Mastercard, PayPal, Apple Pay oder Google Pay. Alles US-Unternehmen. Laut Europäischer Zentralbank liefen 2022 rund 61 Prozent der Kartenzahlungen im Euroraum über internationale Kartensysteme. Wie heikel das sein kann, zeigte sich im selben Jahr: Nach dem Angriff auf die Ukraine wurden russische Banken von den Kartennetzwerken abgeschnitten. Zahlungssysteme können zum politischen Druckmittel werden.
Europas Antwort heißt unter anderem Wero. In meiner zweiten Seminararbeit an der DBU Berlin habe ich geprüft: Wie viel Unabhängigkeit bringt Wero wirklich?
Was Wero ist
Wero ist die Bezahl-App der European Payments Initiative (EPI), eines Zusammenschlusses von rund vierzehn großen europäischen Banken und zwei Zahlungsabwicklern. Bezahlt wird nicht per Karte, sondern per Echtzeitüberweisung direkt von Konto zu Konto, über die europäische Infrastruktur SEPA-Instant. Möglich macht das eine EU-Verordnung von 2024, die Banken zu Echtzeitüberweisungen verpflichtet.
Die Vorgeschichte ist aufschlussreich: Ursprünglich wollte die EPI ein eigenes Kartensystem gegen Visa und Mastercard aufbauen, bis 2022 rund zwanzig Banken wieder ausstiegen. Seit dem Start 2024 hat Wero über 50 Millionen Nutzer gewonnen, vor allem in Deutschland, Frankreich und Belgien. Auch in Österreich wird die Anbindung vorbereitet.
Wie ich bewertet habe
Völlige Unabhängigkeit ist beim Bezahlen nicht erreichbar. Ich messe Wero deshalb an der strategischen Autonomie, also an der Fähigkeit Europas, auch unter politischem Druck handlungsfähig zu bleiben und glaubwürdige eigene Alternativen zu haben.
Dabei unterscheide ich zwei Ebenen: die externe Souveränität, also Unabhängigkeit vom Ausland, vor allem von den USA, und die strukturelle Autonomie, also Unabhängigkeit von privater Marktmacht, egal woher der Anbieter kommt. Diese Unterscheidung ist der Schlüssel zum Ergebnis.
Bewertet habe ich fünf Kriterien: Recht, Infrastruktur, Daten, operative Resilienz sowie Governance und Markt. Für jedes stelle ich Erfolgsfaktoren und Markteintrittsbarrieren gegenüber und bewerte den Gewinn als hoch, moderat oder gering. Theoretische Grundlage ist die Theorie der zweiseitigen Märkte, die erklärt, warum eine Bezahlplattform Nutzer und Händler gleichzeitig gewinnen muss.
Das Ergebnis
Wero ist ein echter, aber nur teilweiser Hebel. In zwei Kriterien ist der Beitrag hoch, in drei moderat.
| Kriterium | Beitrag |
|---|---|
| Recht | hoch |
| Daten | hoch |
| Infrastruktur | moderat |
| Operative Resilienz | moderat |
| Governance und Markt | moderat |
Hoch ist er beim Recht. Die EPI sitzt in der EU und untersteht nur europäischem Recht. Bei Visa, Mastercard und PayPal können US-Behörden dagegen den Zugang beeinflussen, etwa über die Sanktionsbehörde OFAC. Das Muster kennt man aus der Debatte um den CLOUD Act.
Ebenfalls hoch ist er bei den Daten. Kundenbeziehung und Zahlungsdaten bleiben bei europäischen Banken und unter der DSGVO. Nur die Begleitdaten auf dem Smartphone landen weiterhin bei Apple und Google.
Moderat ist der Beitrag bei der Infrastruktur. Wero umgeht die Kartennetzwerke, aber Visa und Mastercard können die neue Konto-zu-Konto-Ebene selbst besetzen, und das Bezahlen im Geschäft startet erst schrittweise.
Ebenso moderat bei der operativen Resilienz. Als Ausweichlösung im Krisenfall taugt Wero noch nicht, dafür fehlen flächendeckend Händler, und die App bleibt ans Smartphone gebunden.
Und moderat bei Governance und Markt. Die Steuerung liegt in europäischer Hand, doch genau hier fallen Erfolgsfaktor und Barriere zusammen.
Die eigentliche Erkenntnis
Wero tauscht die Abhängigkeit von wenigen US-Konzernen gegen die Abhängigkeit von einem Zusammenschluss europäischer Banken. Für die externe Souveränität ist das ein klarer Gewinn. Für die strukturelle Autonomie ändert sich wenig, denn auch europäische Banken haben eigene Interessen, bei Gebühren, Daten und Zugangsregeln.
Verschärft wird das durch die Logik zweiseitiger Märkte nach Rochet und Tirole: Je mehr Nutzer und Händler mitmachen, desto attraktiver wird die Plattform, und am Ende setzt sich meist ein einziger Anbieter durch. Der Erfolg, der Wero wirksam macht, bündelt also genau die Marktmacht, die eine neue Abhängigkeit schafft. Selbst die Studie des EU-Parlaments, auf die ich mich stütze, empfiehlt, europäische Banken zu größeren Anbietern zusammenzuführen. Das stärkt die Unabhängigkeit vom Ausland, verschärft aber die Marktmacht, ein Zielkonflikt, den die Debatte oft übergeht.
Die Abhängigkeit wird europäischer, aber nicht kleiner.
Zwei Grenzen kann Wero ohnehin nicht überwinden. Jede Bezahl-App läuft auf Betriebssystemen von Apple und Google, der Digital Markets Act mildert das, hebt es aber nicht auf. Und wer das Geld selbst ausgibt, bleibt Sache des digitalen Euro der Europäischen Zentralbank, der frühestens um 2029 kommt. Wero und digitaler Euro ergänzen sich.
Was jetzt zu tun ist
Die EPI sollte offen steuern und faire Zugangsregeln für alle schaffen, damit aus dem Souveränitätsgewinn keine neue Marktmacht wird. Die Aufsicht sollte ein dominantes Wero früh im Blick behalten und den Digital Markets Act auf Smartphones konsequent durchsetzen. Und für Österreich heißt das: Die technische Grundlage der PSA steht, jetzt braucht es ein echtes Angebot für Endkunden.
Transparenz
Wie bei meiner Arbeit zur Cloud habe ich auch hier mit KI-Modellen von Anthropic gearbeitet, mit Claude Opus 4.7 und Opus 4.8, für Recherche, Sprache und kritische Gegenfragen. Thema, Methode und Argumentation sind meine eigene Arbeit. Die KI-Nutzung steht offen in der Arbeit, und sie hat Plagiatsprüfung und Begutachtung ohne Beanstandung durchlaufen. Wie wir mit Sprachmodellen arbeiten
FAQ
Was ist Wero?
Eine Bezahl-App europäischer Banken. Gezahlt wird per Echtzeitüberweisung von Konto zu Konto, ohne Kreditkarte.
Macht Wero Europa unabhängig von Visa und Mastercard?
Unabhängiger, ja. Ganz unabhängig, nein.
Kann ich mit Wero im Geschäft bezahlen?
Geplant ist das per QR-Code ab 2026 und kontaktlos ab 2027. Online geht es in Deutschland seit Ende 2025.
Gibt es Wero in Österreich?
Zum Stand der Arbeit im August 2026 wurde die Anbindung der österreichischen Banken vorbereitet, ein Angebot für Endkunden gab es noch nicht.
Wero oder digitaler Euro?
Beides. Wero ist ein privates Angebot, der digitale Euro wäre öffentliches Geld. Sie ergänzen sich.
Zum Nachlesen
Dieselbe Frage für die Cloud beantworte ich im ersten Beitrag: Digitale Souveränität oder regulatorische Illusion?
Florian Hammer, Seminararbeit im akademischen Lehrgang Cyber Resilience an der DBU Berlin, Modul Digital Operational Resilience Act (DORA), August 2026.
Quellen
Die wichtigsten Quellen aus der Arbeit. Das vollständige Literaturverzeichnis steht im PDF.
- Europäische Zentralbank (2025): Most EU countries rely on international card schemes for card payments
- Brescia Morra, C. & Felicetti, R. (2025): European Strategic Autonomy and the Cross-Border Payments Market in the Era of Deglobalization, Studie für das Europäische Parlament
- Global Payments / Worldpay (2026): Worldpay joins the European Payments Initiative
- EPI Company (2025): Wero unveils its e-commerce solution and announces first merchants in Germany
- Finextra (2022): EPI abandons plan for Visa and Mastercard rival as member banks quit
- Europäisches Parlament & Rat (2024): Verordnung (EU) 2024/886 über Echtzeitüberweisungen in Euro
- Europäisches Parlament & Rat (2022): Verordnung (EU) 2022/1925, Digital Markets Act
- Europäische Kommission (2024): Commission accepts commitments by Apple opening access to tap and go technology on iPhones
- PSA Payment Services Austria (2026): PSA bereitet Issuing-Support für Wero in Österreich und Deutschland vor
- The Paypers (2025): Wero ecommerce is now live in Germany
- EuroShop (2026): Wero in retail: what merchants need to know now about Europe’s new wallet
- Rochet, J.-C. & Tirole, J. (2003): Platform Competition in Two-Sided Markets
- Rochet, J.-C. & Tirole, J. (2006): Two-sided markets: a progress report
- Europäische Zentralbank (2025): Eurosystem moving to next phase of digital euro project
Fragen dazu? Schreib uns.

